Bei Aufwachen – live mit Tilo Jung

Aufzeichnung der Podcast Morning Sendung aus Dresden am Tag der Verkündung des Klimaschutzprogramms 2030 der Bundesregierung.

Gäste der Sendung waren neben mir als Journalistin aus der Brandenburger Lausitz die Jungpolitikerinnen Lucie Hammecke (Grüne Sachsen) und Sofie Koch (SPD Sachsen). Moderiert haben neben Tilo Jung auch Stefan Schulz und Hans Jessen.

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Zu Gast im Podcast Werden und Wachsen von Dr. Tom

Mit Dr. Tom Rohde habe ich in seinem Podcast Werden und Wachsen über den Klimawandel gesprochen.

https://player.fm/series/werden-wachsen/ep-028-klimawandel-bedrohung-und-chance-fur-die-menschheit-anja-paumen

https://player.fm/series/werden-wachsen

Anja Paumen ist Biologin, Buchautorin und freie Journalistin. Wir analysieren, was der Klimawandel eigentlich ist und welche Konsequenzen er für das Leben auf unserem Planeten mit sich bringt. Wir diskutieren über Gewinner und Verlierer der Klimaveränderung und stellen fest, der Schutz der Erde mit einer guten Beziehung zu uns selbst beginnt.

“Der Klimawandel birgt ein großes Risiko für die Menschheit und ist gleichzeitig ihre große Chance.” (Anja Paumen)

Pursuit of Happiness Today

In den Zeiten des Klimawandels ist es an der Zeit, „Glück“ neu zu definieren. Das Motto des 20. Jahrhunderts in der von der Aufklärung beeinflussten westlichen Welt war etwa wie folg: „Verfolge deine individuellen Ziele, um glücklich zu sein.“

Heute sind immer mehr Menschen finanziell und von der freiheitlichen Ordnung ihres Landes ausgehend in der Lage, sich auf den Weg zu ihrem eigenen Glück zu machen. Das ist gut. Aber liegt das eigene Glück heute weiterhin in dem Sinne darin, sich selbst die wichtigsten Wünsche zu erfüllen und seinen eigenen Zielen maximale Priorität zu verschaffen?

Wenn das so wäre, denn würde der Lebensstandard Europas, Kanadas, Nordamerikas, Japans nun auf die Schwellenländern wie China, Brasilien, Russland, Indonesien übertragen werden. Nach den Erfahrungen der letzten 50 Jahre würde das bedeuten: mehr Reisen, mehr Rindfleisch, mehr materielle Produkte pro Haushalt und mehr Fläche.

Alle diese Punkte verschärfen die Umweltprobleme.

Wie wäre es, wenn wir ein kollektives Ziel auch zu unserem eigenen Glücksziel erklären würden? Das Ziel die Erderwärmung auf 1,5°C gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen, würde allen Erdbewohnern gleichsam nutzen.

Würde es uns glücklich machen, wenn Inseln nicht untergehen? Wenn Küstenstädte nicht umziehen müssten? Wenn Menschen nicht ihre Heimat verlassen müssten, weil sie dort keine Ernte mehr einfahren können oder weil Erdrutsche und Wetterextreme das Leben dort unmöglich machen?

Würde es uns glücklich machen, wenn wir durch eine gemeinsame Anstrengung, die Vielfalt des Lebens erhalten? Wenn wir die Lebensräume von Tieren und Pflanzen erhalten, auch wenn wir sie nicht essen können oder wollen? Auch wenn wir dadurch Fläche für Produktion und Anbau verlieren?

The pursuit of limiting global warming to 1,5°C equals the pursuit of happiness for human kind. Die Verfolgung des Ziels die globale Erwärmung auf 1,5°C zu begrenzen wäre gleichgesetzt mit dem Ziel der Suche nach dem Glück für die Menschheit.

 

 

 

Ein Rabbi für Riga

Pessach im April 2019 sei seine größte Herausforderung, sagt Ilya Krumer. Seit letzten Juni betreut er die orthodoxe Gemeinde in Riga in der Peitav-Shul Synagoge.

Jüdisches Leben in Lettland konzentriert sich auf die Hauptstadt Riga. Nach der letzten Volkszählung gaben etwa 7000 Menschen in Lettland an, jüdischen Glaubens zu sein. In der einzigen Synagoge Rigas, die die Zerstörung in der Naziherrschaft überdauert hat, die Peitav-Shul Synagoge, kommen heute orthodoxe, liberale und Reformjuden zu den Feiertagen zusammen.

Peitav-Shul Synagoge in Riga

Rabbi Ilya Krumer ist eingesprungen, weil sein Vorgänger Rabbi Kalev Krelin aufgrund der angespannten Finanzsituation der Gemeinde nur noch in Teilzeit arbeite konnte. Krelin arbeite nun in Riga und in Moskau gleichzeitig. Da klaffte dann plötzlich eine Lücke für die Betreuung der jüdischen Gemeinde in Riga und so sah sich Ilya Krumer in der Pflicht, obwohl er lieber noch etwas damit gewartet hätte, mehr Zeit gebraucht hätte, um sich auf diese Aufgabe vorzubereiten, erzählt er. 20 bis 40 Familien zählten heute zur orthodoxen Gemeinde Rigas, so Rabbi Ilya Krumer. Sie sei wichtig, um den Juden in Lettland Orientierung zu geben. Die meisten Juden hätten aufgrund der Ansprüche des modernen Lebens keine Zeit und keine Motivation mehr, die jüdische Tradition zu leben, sagt er. Aber für die wenigen, die diesen Weg wählten, will er da sein.

„Es gibt viele Spenden und finanzielle Unterstützung für die Juden, die Balei Tschuwa machen, die zur Thora zurückkehren wollen. Aber wenn sie sich dann dafür entscheiden, dann kümmert sich keiner mehr um sie,“ sagt Krumer. Das sei ein großes Problem. „Um die Thora zu studieren, kannst du dich nicht in eine Ecke in deinem Haus verkriechen. Du brauchst einen Platz, um die Thora zu studieren, einen Menschen mit dem du zusammen studierst und eine Infrastruktur, die einen Alltag nach jüdischen Regeln ermöglicht“, zählt Krumer auf. Er unterrichtet im Moment fünf bis acht Stunden pro Tag zwischen 15-20 Thorastudenten, im Alter von 30 bis 50 Jahre alt sind. Es gibt auch Jüngere, aber die haben weniger Zeit dafür. Balei Tschuwa ist eine Bewegung unter den Juden in aller Welt. Sie heißt etwa „Meister des rechten Weges“ und steht dafür, wenn sich säkulare Juden wieder der Thora, der „Bibel“ der Juden zuwenden-Sie kehren zurück zu den traditionellen Sitten und Riten, studieren die Thora und richten ihren Alltag nach deren Geboten aus.

Die meisten Juden in Riga stammen aus der Zeit, als Lettland zu der Sowjetunion gehörte, das war von 1945 – 1991 der Fall. Damals kamen viel aus der Sowjetunion nach Lettland, weil sie hier ihr Judentum etwas freier leben konnten. Die Familie von Rabbi Elya Krumer stammt aus Lettland. Seine Großeltern waren während der Nazizeit nach Usbekistan und Kasachstan geflohen und kehrten 1945 wieder zurück nach Lettland. Die jüdische Gemeinschaft in Lettland besteht fast ausschließlich aus Juden, die Russisch und nicht ursprünglich Lettisch sprechen. Auch seine Familie hätte entweder Jiddisch oder Russisch gesprochen, sagt Krumer. „Es gibt diese Gruppe von Lettisch sprechenden Juden in Lettland nicht.“

Von den rund 70.000 Juden, die vor dem Zweiten Weltkrieg in Lettland lebten, sind bis auf ein paar Tausend alle ermordet worden. Die höchste Zahl von Juden der Nachkriegszeit hatte Lettland in den 1980er Jahren mit rund 30.000 Menschen. Doch viele sind nach Israel oder Westeuropa ausgewandert, was den Gemeinden schwer zu schaffen machte. Aber Krumer hat dafür Verständnis. „Es gab dieses Fenster der Gelegenheit und da haben viele zugegriffen. Es war Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre ja nicht klar, wie es mit Lettlands Unabhängigkeit und dem jüdischen Leben hier weitergeht.“

Seit 1991 ist Lettland ein eigener Staat, nachdem es 1918 erstmalig seine Unabhängigkeit ausgerufen hat. Die Zukunft der Juden in Lettland sei trotzdem nicht rosig. Nicht wegen einer Bedrohung von außen, sondern weil sie zahlenmäßig so wenige sind, meint der Rabbi aus Riga. Antisemitische Übergriffe habe es in den letzten Jahren nicht gegeben, sagt er. Das liege auch daran, weil es so gut wie keine muslimischen Einwanderer gebe. Und die Letten? Sie seien zwar von Haus aus xenophobisch, aber die Vertreter der lettischen Regierung bemühten sich um einen guten Kontakt zur jüdischen Gemeinschaft.

Heute gibt es in Riga drei jüdische Kindergärten und zwei jüdische Schulen. Zwei Kindergärten und eine Schule betreiben die Lubawitscher Chassiden. „Sie haben viel Einfluss und ziehen mehr säkulare Juden an als wir“, sagt Krumer. Er sieht diesen Einfluss kritisch, denn innerhalb der jüdischen Gemeinschaft konkurriert die orthodoxe Gemeinde, der er vorsteht, mit der Chabad Gemeinde, wie die Lubawitscher Chassiden auch heißen, um Anhänger. Die Chabad Gemeinde ist eine orthodoxe Gruppierung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, die weltweit ihre Anhänger haben. Die Chabad Gemeinde habe gute finanzielle Beziehungen ins Ausland, sagt Krumel. „Sie haben, was das Budget betrifft, 95 Prozent und wir 5 Prozent.“ Letzten Endes könne er nicht mehr tun, als eine Alternative zu den Chassidim anzubieten. Er möchte den Juden ermöglichen, nach der Thora zu leben, „so wie es unsere Vorfahren vor 3000 Jahren gemacht haben.“ Dafür arbeitet er im Moment für drei, wie er sagt, und könne doch nicht alle Aufgaben bewältigen. Doch seine größte Herausforderung liege noch vor ihm. „Das ist mein erstes Pessach-Fest als Rabbi unserer Gemeinde im April 2019.“ Für eine Bilanz sei es daher noch zu früh: „Warten wir ab, bis ich mein erstes Jahr überstanden habe.“

 

Morgendämmerung: Wandelt euch in der Lausitz!

Reaktion auf einen Leser aus der Lausitz, der an die dort erscheinende Tageszeitung schrieb, dass der Klimawandel nichts mit dem Menschen zu tun hat, sondern nur auf den Zyklus der Sonnenaktivität zurückzuführen ist. 

Das ist ungefähr so, als würde heute jemand zu einem Seemann sagen: „Aber segele nicht bis zum Rand, sonst kippst du runter samt Schiff – von der Erdscheibe“. Man würde denjenigen für verrückt halten oder denken, der hat sich einen Witz erlaubt. Doch das ist genau das gleiche, wie in der Ausgabe vom 20.12.2018 ein Leser an die Lausitzer Rundschau schrieb, der immer noch glaubt, die Wissenschaft vom menschengemachten (anthropogenen) Klimawandel sei eine Theorie, die sich mit Sonnenfleckenaktivität gleich wieder widerlegen würde. Der Mann lebt noch in der Zeit von vor 100 Jahren. Die Zeit, als Menschen glaubten, die Erde sei eine Scheibe ist zwar schon  länger vorbei, aber die beiden Aussagen sind vergleichbar: die Erde ist eine Scheibe und der KLimawandel wird duch Sonnenfleckenaktivität ausgelöst. Denn beide Aussagen sind längst überholt.

Seit Arrhenius Ende des 19. Jahrhunderts nachwies, dass Kohlen(stoff)dioxid, auch CO2 genannt, die Atmosphäre aufheizt, ist klar, dass je mehr davon in der Luft ist, desto wärmer es wird. Seit dann Keeling in den 1960er Jahren des 20. Jahrhunderts die direkte Messung der CO2 -Werte aus der Luft verbesserte, war messbar, dass der Anstieg der CO2 -Werte in der Luft mit dem Wirtschaftswachstum der Industriegesellschaften einhergeht. Seit dann etwas später mittels chemischer Analyse (Isotopenmessung) zweifelsfrei die Quelle des zusätzlichen CO2 in der Luft geklärt wurde, war nachgewiesen, dass dieses CO2 aus der Verbrennung von Öl, Kohle und Gas stammt. Soweit zum Schulwissen 7. – 9. Klasse.

Aber es gibt doch immer noch Individuen, die meinen, äußern zu müssen, das sei alles Schwindel, denn die Sonne sei nicht berücksichtigt. Natürlich ist die Sonnenaktivität in den Aussagen der Wissenschaftsgemeinde zum Klimawandel berücksichtigt und nicht nur der elfjährige Sonnenaktivitätszyklus, sondern noch die vielen anderen Sonnenzyklen, die mit diesem überlappen.

Kurzum: Die Erde ist eine Kugel, das wissen mittlerweile alle. Der Klimawandel wird sich weiter verschärfen und ist mit etwa 70 Prozent vom Menschen verursacht. Das weiß zumindest einer aus Vetschau noch nicht. Tatsächlich gehören 30 Prozent in das Reich der Natur, wo wir noch nicht Einfluss nehmen können z.B. Erdbahnparameter, geothermische Vorgänge im Erdinnern oder eben die zyklische Aktivität der Sonne.

Noch einmal, weil es noch nicht alle wissen: Der Klimawandel findet statt, gefährdet das Überleben unserer nachfolgenden Generationen und wir können den menschengemachten Anteil daran stoppen oder abbremsen, in dem wir den Ausstoß von Kohlenstoffdioxid stoppen oder abbremsen.

Ich werde jetzt nicht das Buch empfehlen, das ich vor drei Jahren dazu veröffentlicht habe, denn dann heißt es, „die will nur ihr Buch verkaufen“. Es gibt Duzende anderer Bücher, die in unterschiedlichen Lernniveaus den Klimawandel nachzeichnen. Aber noch etwas für die zum Schluss, die mehr wissen wollen: Der Klimawandel ist Ausdruck dafür, dass wir, die Menschheit, zu viel Energie verbrauchen. Das ist das Etikett unserer Zeit: Energieverschwendung.

Antisemitismus ist nicht das Kernproblem der Juden

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Das deutsche Novemberpogrom jährt sich zum 80. Mal. Daraus leitet sich die entscheidende Frage ab, die sich seit rund 200 Jahren immer wieder stellt: Wie bekämpft man Antisemitismus? Antworten gaben jetzt Experten aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft auf der Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft e.V. „Den Opfern verpflichtet – Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart“

In der Nacht vom 9. auf den 10. November brannten rund 1400 im Deutschen Reich (Deutschland, Österreich) befindliche Synagogen, wurden geplündert oder geschändet. Mehrere hundert Juden wurden in der Nacht ermordet oder starben in den kommenden Wochen und Monaten an den Folgen ihrer Misshandlung oder Verschleppung in die frühen Arbeits- und Konzentrationslager. Viele zigtausend Geschäfte jüdischer Besitzer wurden ebenfalls zerstört und geplündert. Augenzeugen dieser Nacht beschrieben wie Gestapo- und SA-Männer und andere, die sich ihnen anschlossen, mit Eisenstangen die Schaufenster der Geschäfte einschlugen. Es waren so viele, in manchen Städten jedes fünfte Geschäft, dass das Zerborsten von Glas und das Klirren der Bruchstücke, wenn sie auf den Boden aufschlugen, wie ein helles Munitionsfeuer in den Straßen und Gassen der Städte und Dörfer widerhallte. Ein Menetekel.

Die Wissenschaft ist sich heute einig, dass dieser Tag oder vielmehr diese Nacht einen Wendepunkt markiert. „Die erste große physische Attacke gegen Juden in Deutschland“ in der Nazizeit sei das gewesen, begleitet von einem starken Wegducken, Wegschauen der Bevölkerung, resümiert die Historikerin Dr. Cornelia Wilhelm von der Münchner Ludwigs-Maximilians-Universität. Danach setzte eine Massenflucht der Juden aus Deutschland ein. Der aktuelle Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Abraham Lehrer, interpretiert das Pogrom aus heutiger Sicht. „Es war der finale Test der Nazis, wie weit sie gegenüber den Juden gehen können“, ohne dass die Gesellschaft protestiert. Das hat sie nicht. Daher fiel der Test „für die Nazis befriedigend aus“. Sie wussten nun, sie konnten weitermachen und mehr noch, sie konnte noch viel weitergehen.

Was heute noch überrascht ist der geringe Widerstand aus der Bevölkerung, wie es Dr. Bernd Faulenbach, der Vorsitzende des Vereins Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. formuliert. „Aber das, was an Widerstand da war, das möchten wir heute stärker benennen“.

Die Helden von damals können uns den Weg weisen

Genau diese Strategie verfolgt auch die Bundesregierung. Für sie sprach der seit April benannte Beauftragte für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, Dr. Felix Klein. „Wir müssen uns dafür wappnen, wenn es nötig ist, Zivilcourage zu zeigen.“ Den Weg dahin „weisen uns heute die mutigen Handlungen Einzelner“. Viel zu lange galten die Widerstandskämpfer in unserem Land noch als Vaterlandsverräter, doch „es ist endlich an der Zeit, diesen Personen ihren gebührenden Platz zuzuweisen.“ Sie können uns heute Vorbild sein, schlägt Dr. Klein vor.

Ein Vorbild, heute würde man Held sagen, in dieser Pogromnacht war der damalige Leiter des 16. Polizeireviers in Berlin-Mitte, Wilhelm Krützfeld. Der damals 53-jährige Polizeioberleutnant stellte sich mit seinen Leuten den Brand legenden SA-Truppen entgegen. So konnten die Polizeibeamten die Zerstörung der Neuen Synagoge in der Oranienburgerstraße in Berlin verhindern. Sie ist heute als Synagoge mit ihrer golden verzierten Kuppel wieder ein Wahrzeichen für die Gegenwart jüdischen Lebens in Deutschland. „Andere Polizisten aus diesem Revier wie Willi Steuck und Otto Bellgardt halfen Juden in der NS-Zeit mit falschen Pässen und warnten sie vor Razzien“, betont Dr. Klein.

An Vorbildern lernen wie man Zivilcourage zeigt, das sei eine der Antworten auf den Antisemitismus unserer Zeit. Das dieser immer stärker wird, ist für alle Experten deutlich. Laut Kriminalstatistik wurden im letzten Jahr 1.500 antisemitische Straftaten begangen. Das ist ein Anstieg um 2,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die überwiegende Mehrzahl der Taten sind rechtsmotiviert (94 Prozent). Felix Klein sagt, dass allein seit den wenigen Monaten seines Amtsantritts im Arpil die Hemmschwelle für Hasskommentare in Briefen und Blogs immer weiter gesunken sei. Als schlimme Vorzeichen nannte er auch die Demonstrationen in Chemnitz und in Dortmund in den vergangenen Wochen, wo Rechtsradikale auf offener Straße den Hitlergruß gezeigt hätten. Auch in Schulen würde das Wort Jude wieder häufig als Schimpfwort verwendet.

Einige der Redner sprachen sich daher für eine bessere Lehrerausbildung aus. Antisemitismus müsse schon in den Schulen bekämpft werden. Ja, sagten in der anschließenden Diskussion einige aus dem Publikum, aber wie? Denn die Lehrer seien heute schon an der Grenze ihrer Belastung und man könne ihnen nicht für alles in der Gesellschaft die Verantwortung aufbürden.

Die Flüchtlinge müssen sich unsere Geschichte aneignen.

Dafür sind die Immigranten nach Ansicht von Dr. Klein stärker in die Pflicht zu nehmen. Gerade für die Menschen, die als Flüchtlinge oftmals aus muslimisch geprägten Ländern zu uns gekommen sind, gelte, dass sie sich die Vergangenheit dieses Landes aneignen müssen. „Sie müssen die deutsche Geschichte kennen und die Lehren, die wir daraus gezogen haben.“ Die Lehren seien die uneingeschränkte Ablehnung von Rassismus und Antisemitismus. Den Respekt vor diesen Werten „sollten wir aktiv von den Flüchtlingen einfordern“, findet Dr. Klein.

Abraham Lehrer vom Zentralrat der Juden ergänzte, er sei überzeugt davon, dass wenn es heute gegen Moslems geht, dann gehe es morgen wieder gegen die Juden. Nach dieser Aussage sitzen wir alle in einem Boot, egal ob Juden, Muslime, Christen oder Konfessionslose. Wir verlieren alle das gleiche, wenn Gruppen von Menschen angefeindet oder verfolgt werden. Auch wer zuerst selbst andere anfeindet, wird bald selbst ein Verfolgter sein. Auch der Journalist Dr. Jacques Schuster von der Zeitung die Welt unterstrich, dass Antisemitismus nicht das Kernproblem der Juden sei, sondern Ausdruck eines gesamtdemokratischen Problems. Zu dem heutigen Judenhass geselle sich noch ein Hass auf das Parlament oder ein Hass auf Europa wie er von vielen Leserbriefen an der Redaktion berichten kann. Die prägnanteste Zusammenfassung lieferte schließlich wieder Dr. Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung: „Den Zustand der Gesellschaft kann man daran ablesen, wie es der jüdischen Gemeinschaft geht.“

Wie geht es der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, wendet sich die Moderation Andrea Thilo daraufhin an Abraham Lehrer vom Zentral der Juden, der prompt antwortet: „Nicht gut.“

 

 

Siemens-Chef Joe Kaesers mutige Entscheidung

Kommentar zu Herrn Kaeser Argument, nicht zu der Investorenkonferenz nach Saudi-Arabien zu fahren.

Joe Kaeser CEO of Siemens in Moscow 26 march 2014

Sie ist doch mit Abstand die mutigste Entscheidung der dreien zur Wahl stehenden, die Sie beschreiben. Denn Sie riskieren finanzielle Einbußen, verlorene Aufträge und Kritik aus ihren eigenen Reihen. Doch Sie gewinnen weit mehr Herr Kaeser, als Sie im Moment noch gar nicht ahnen. Unter anderem Glaubwürdigkeit, Eintreten für Werte wie Menschlichkeit, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit in seinen Positionen und zuletzt gewinnen Sie den Status eines Vorbildes. Alles genau das, was einem Konzern langfristig hilft und ihn bestehen lässt. Aber da langfristiges und verantwortungsvolles Denken und Handeln in der Wirtschaft, der Politik und auch von uns Bürgern häufig dem kurzfristigen, einseitigen Profit- und Statusstreben geopfert wird, ist diese Entscheidung von Ihnen die mutigste! Und Sie werden sehen auch für Siemens UND die Menschen in Saudi Arabien die beste. Weil sie ein Signal, eine Botschaft in die Welt sendet.

„Über die Moral packt man das nicht.“

Konferenz in Berlin „Warum wir nicht tun was wir für richtig halten – Über die Macht tradierten Denkens“
Denkwerk Zukunft – Stiftung kulturelle Erneuerung
1. + 2. Oktober 2016

Klimawandel ist ein Problem des kollektiven Handelns und somit ein Koordinierungsproblem. Das erklärte der US amerikanische Philosoph Thomas Pogge in seinem packenden Vortrag über die Hindernisse im Kampf gegen den Klimawandel. Daher kann man das auch nicht über die Moral lösen. Denn viele argumentierten so: ‚ich würde ja gerne etwas dagegen machen, aber die anderen machen das nicht im gleichen Maße mit. Dann verliere ich aber im globalen Wettbewerb.‘ So folgerte der Professor von der Eliteuniversität Yale, dass es nur eine Lösung gibt – eine politische: Die Bürger müssen auf die Politiker Druck ausüben, dass es schließlich zu einer internationalen Übereinkunft kommt und die auch umgesetzt wird.

Das war einer der besten Vorträge meiner Meinung nach. Denn er war auf den Punkt gebracht und in seiner Argumentation schlüssig. Der Reigen war bunt mit den folgenden Vorträgen und eine gute Abwechslung zwischen Sozialwissenschaftlern, Ökonomen, Biologen und Vertretern aus der Wirtschaft. Es war genau die Interdisziplinarität, das Über-den-eigenen-Teller-schauen, was die Klimadiskussion so dringend braucht.

Nachtrag:
„Zum Ende des Jahres 2016 hat das Denkwerk Zukunft seine Tätigkeit eingestellt. Seine Anliegen wurden jedoch durch die Stiftung kulturelle Erneuerung übernommen.“ Zitat Denkwerk Zukunft.

Weitere Informationen zur Stiftung kulturelle Erneuerung: http://www.kulturelleerneuerung.de/

 

It’s the Planet, Stupid! – ist keine Publikumsbeschimpfung

Gespräch in der Reihe Literatur und Politik: „It’s the Planet, Stupid!“
Anja Paumen, Prof. Dr. Jan-Heiner Küpper, Prof. Dr. Hartmut Graßl
Moderation: Hans Jessen
Hessische Landeszentrale für politische Bildung
7. Juli 2016

Mit einem der renommiertesten Klimaforscher Deutschlands auf einem Podium zu stehen, ist und bleibt eine besondere Ehre. Prof. Hartmut Graßl, emeritierter Professor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie, Hamburg und ehemaliger Leiter des Weltklimaforschungsprogramms der Vereinten Nationen ist einer von sieben Interviewten in unserem Buch „It’s the Planet, Stupid“ und hat als Gutachter auch einige Kapitel gelesen. Er kennt sowohl die Erforschung des Menschen gemachten Klimawandels seit ihren Anfängen in den 1980er Jahren und weiß von den neuesten Ergebnisse der Gegenwart zu berichten.

Mit dem Journalist Hans Jessen stand dem Forum ein langjähriger ARD-Hauptstadt-Korrespondent als Moderator zur Seite. Nach den Eingangsstatements zum Buch und zur Wissenschaft diskutierten wir mit dem Publikum über vertrauenswürdige Quellen, frühkindliche Umweltbildung und politischem Stillstand. Nebenbei verrieten wir auch wie es zum Buchtitel? Hans Jessen nahm uns sofort in Schutz – das Wort „Stupid“ als Dummkopf übersetzt im Titel sei nicht gegen das Publikum gerichtet.

Die Hessische Landeszentrale für politische Bildung hat die rund zweistündige Veranstaltung aufgezeichnet.