Um die größte Krise der Menschheit zu bewältigen, treffen sich unter anderem Politiker auf verschiedenen Konferenzen, um gemeinsame Wege auszuloten. Die jährichen Klimakonferenzen fallen da heraus, weil hier nicht nur Politiker sondern auch Wissenschaftler*innen und Verterter*innen aus allen Bereichen der Gesellschaft zusammenkommen, wie Wirtschaft, Naturschutzverbänden, Klimaaktivist*innen und auch Menschen, die in ländlichen Räumen in Entwicklungs- oder Schwellenländern leben. Heute nennt man diese Länder auch der globale Süden. Das heißt, indigene Volksgruppen sind vertreten und erheben ihre Stimme für den Schutz ihrer natürlichen Heimat.
Die diesjährige Klimakonferenz, abgekürzt COP27, fand zwei Wochen im ägyptischen Sharm el Sheik statt. Die Ergebnisse waren sehr mau. Es gab einige Erfolge wie der Beschluss zum Einrichten eines Fonds für klimabedingte Schäden und Verluste (Loss and Damage) im globalen Süden. Aber große Schritte hin zu einer schnelleren Transformation, also Umwandlung unserer Wirtschafts- und Lebensweise zu einer, die mit immer weniger fossilen Energieträgern wie Öl, Erdgas und Kohle auskommt, sind ausgeblieben. Deswegen wäre es gut, wenn die Herangehensweise der Verhandler*innen auf den künftigen Klimakonferenzen und auch sonstigen Gipfeln in der Weltpolitik eine neue wäre. Eine, die dem Problem gerecht wird. Dazu hilft ein Blick in den Weltall oder noch besser ein Blick von dort auf unsere kleine blaue Erde.
Energiekrise ist die akute Krise – die Klimakrise ist die bereits bestehende Energiekrise, also die chronische Energiekrise. Warum? Weil durch unsere Art der Energiegewinnung erst so viele Treibhausgase vor allem Kohlenstoffdioxid, CO2, in die Luft entlassen, also ausgestoßen werden, dass sich die Lufttemperatur erhöht. Das ist eine Krise, weil durch steigende Temperaturen, die Lebensbedingungen auf der ERde sich in der Summe zum Schlechteren entwickeln. Anders gesagt: Das Überleben für die Menschheit insgesamt wird unter einer wärmeren Atmosphäre schwieriger. Daher ist es richtig, die jetzige Energiekrise zu bekämpfen. Aber die Mittel müssen so gewählt werden, dass die langanhaltende Energiekrise, der Klimawandel, nicht weiter befeuert oder angeheizt wird. Deswegen: Nicht das Kind mit dem Bade ausschütten – sondern die Mittel zum Zweck klug und verantwortungsbewusst wählen.
Die Lausitz-Länder wollen beim Hype-Thema groß einsteigen. Allerdings hat Brandenburg für den digitalen Wasserstoff-Marktplatz einen anderen Partner gewählt.
von Anja Paumen
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Beim Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft haben diejenigen ein gutes Blatt, die große Windparks und Photovoltaik-Flächen in der Nachbarschaft haben. Absolute Joker im Spiel sind geplante Anbindungen an ein künftiges Wasserstoff-Leitungsnetz.
Angebot und Nachfrage von Wasserstoff müssen schneller zueinander finden. Denn der Energieträger H2, wird dringend für den Ersatz fossiler Brennstoffe gebraucht, die CO2 ausstoßen. Für dieses Ziel sind die Lausitz-Wirtschaftsminister Jörg Steinbach und Martin Dulig (beide SPD) in Brandenburg und Sachsen landauf landab unterwegs. Kürzlich hat Steinbach mit seinem Berliner Amtskollegen, dem Wirtschaftssenator Stephan Schwarz (parteilos), ein neues digitales Werkzeug vorgestellt. Der Wasserstoffmarktplatz Berlin-Brandenburg ist erst einmal eine Website.
Als eine „eine Mischung aus Partnerbörse und Ebay Kleinanzeigen“ beschreibt Oliver Arnhold, Geschäftsführer von Localiser RLI, das Online-Tool. Das Softwareunternehmen hat die Website im Unterauftrag des Reiner Lemoine Institut entwickelt und betreibt sie. Jeder kann sich kostenfrei anmelden, der in der Metropolregion Berlin und Brandenburg ins Wasserstoff-Geschäft einsteigen will. Damit setzt Brandenburg eine wichtige Maßnahme seiner Ende 2021 beschlossenen Wasserstoffstrategie um.
Steigende Energiepreise, unsichere Gasimporte und gekappte Geschäftskontakte nach Russland. Für den Kohle-Mittelstand der Lausitz sind das nicht mal die größten Herausforderungen der letzten Jahre. Auf ihrem Branchentreffen ging es um Lösungen, die durchaus überraschen.
Von Anja Paumen
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Nach Jahren der Transformation sehen die Firmen der Kohle-Peripherie Licht am Ende des Kühlturms. Doch der Weg in neue Geschäftsfelder ist durch den Ukrainekrieg unsicher geworden.
Auf dem Online-Treffen der Lausitzer Braunkohle-Branche war kürzlich kein Wehklagen zu hören. Stattdessen wurden mit Zuversicht die neuen Geschäftsmodelle präsentiert, auf denen die Unternehmen der Bergbau-, Kraftwerks- und Sanierungsbranche unterwegs sind. Von Aufbruchsstimmung sprach der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Brandenburg, Sebastian Saule. „Die Unternehmen haben sich auf den Weg gemacht, ihre Abhängigkeit von der Braunkohle als ihren Arbeitgeber zu verringern.“ Das ist auch nötig.
Brandenburgs Unternehmen sind bei Künstlicher Intelligenz zu ängstlich. Das will die Landesregierung ändern. Doch was bringt die Hype-Technologie der Lausitzer Wirtschaft wirklich?
Von Anja Paumen
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Die Angst vor KI ist groß in den Lausitzer Unternehmen. Doch Studien zeigen: Nicht die Anzahl der Jobs wird sich durch KI ändern, sondern die Aufgaben.
Bei der Erforschung von Künstlicher Intelligenz ist Deutschland mit an der Weltspitze – aber bei der Anwendung hinkt man hinterher, sagt Matthias Wolff. Der Informatik-Professor ist Kopf des Lausitzer Zentrums für Künstliche Intelligenz (LZKI), einem Forschungsverbund an der Brandenburgischen-Technischen Universität Cottbus-Senftenberg mit rund 30 Gründungsmitgliedern.
Die Crème der Lausitzer IT-Forschung hat sich darin zusammengefunden. Neben Wissenschaftlern der BTU kommen weitere aus zwei Fraunhofer-Instituten in Cottbus und einem Leibniz-Institut in Frankfurt (Oder) dazu. Sie haben zusammen für mehrere Projekte Strukturmittel beantragt. „Wir brauchen eine zündfähige Masse“, sagt Wolff. „Das können unsere Lehrstühle an der BTU allein nicht leisten.“
Den kompletten Artikel findet ihr im siebten Briefing von Neue Lausitz vom 8.3.2022.
Um von der Kohle loszukommen, setzt die Lausitzer Energiewirtschaft zunehmend auf Gas. Einen heimischen fossilen Rohstoff gegen einen importierten auszutauschen, ist ohnehin umstritten. Aber was, wenn der Ukraine-Konflikt einen Strich durch diese Pläne macht?
Von Anja Paumen
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Die Zukunftserzählung der Energieregion Lausitz kommt bis auf Weiteres nicht ohne Gas aus. Deshalb prüft Brandenburg den Bau einer Pipeline von der Ostsee bis zu den Lausitzer Kraftwerken. Das Hybridkraftwerk der Leag in Jänschwalde wäre ohne diesen Anschluss nicht denkbar.
Die Konfrontation an der ukrainisch-russischen Grenze gefährdet nicht nur den Frieden in Europa. Sie hat auch direkte wirtschaftliche Effekte für die Lausitz. Deutschland bezieht rund 60 Prozent seiner Erdgasimporte aus Russland. Bei einer weiteren Eskalation kann es neben anderen Folgen auch zu Lieferengpässen kommen. Die Pipeline Nord Stream 2 könnte endgültig auf Eis gelegt werden. Für die Lausitz und den Strukturwandel hätte das unübersehbare Folgen – denn der Weg aus der Braunkohle führt über das Gas.
Etliche Leuchtturm-Projekte der Lausitzer Energiewirtschaft sind zunächst angewiesen auf den importierten fossilen Energieträger aus dem Osten. Ganz konkret rechnen sie darauf, dass durch Nord Stream 2, die seit Beginn 2005 im Feuer stehende Pipeline, bald Gas fließt, um das neue Lausitzer Wirtschaftswunder in Gang zu setzen. Seit September letzten Jahres ist die Gasleitung in der Ostsee theoretisch einsatzbereit. Aber zur praktischen Inbetriebnahme fehlt bis heute die Genehmigung.
Den kompletten Artikel findet ihr im vierten Briefing von Neue Lausitz vom 15.2.2022.
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Das Briefing erscheint wöchentlich dienstags 6 Uhr.
Wir befinden uns im sechsten Massenaussterben der Erdgeschichte. Zum ersten Mal sind wir Menschen nun Zeuge. Mehr sogar: Wir sind die Ursache. Denn den Platz, den wir für uns brauchen, der fehlt unseren tierischen Nachbarn.
Aber es gibt einen Ausweg: Zurück-Weichen. Wo immer neu gebaut wird, muss an anderer Stelle zurückgebaut werden. Wo ein Wald zerschnitten wird, muss woanders ein Stück Natur streng geschützt werden. Dann können Tiere wandern und überleben.
Tiere und Pflanzen helfen uns im Kampf gegen Nahrungsmangel, Wasserknappheit und Erderhitzung. Wir brauchen sie. Schützen wir Flächen für Tiere und Pflanzen! Das ist echte Nachbarschaftshilfe im besten Sinne: Wir kriegen das immer zurück.
Den gesamten Kommentar findet ihr hier. Gesendet am 10. Februar 2022. Länge 2.10 min.
Hinweis: Ein Klick auf dieses Bild öffnet das Video. Es werden dabei Daten zu Google übertragen.
In der neuen Kooperation zwischen dem Regionalsender für Südbrandenburg und Ostsachsen der „Lausitzwelle TV“ und dem Regionalblatt für die Lausitz dem „Wochenkurier“ durfte ich gleich den zweiten Kommentar formulieren. Den ersten schrieb der Verlagsleiter des Wochenkuriers Thorsten Berge.
Seit Anfang Februar erscheint in jeder Ausgabe ein Kommentar, der in beiden Erscheinungsgebieten des Wochenkuriers, in Hoyerswerda für Sachsen und in Senftenberg für Brandenburg veröffentlicht wird. Die Lausitzwelle strahlt den Kommentar in der gleichen Woche jeweils am Donnerstag um 18:00 Uhr im Kabelfernehen sowie via DVB-T2 (Kanal 27) und MagentaTV sowie ab 18:30 Uhr im Satellitenprogramm bei SachsenEins aus.
Aus der Schlusslicht-Rolle beim Ausbau der Windkraft wollte Sachsen nie wirklich raus. Zu groß war die Angst um die Herzen der Menschen im ländlichen Raum. Nun soll mit neuen Abstandsregeln alles besser werden. Denn ohne mehr grünen Strom geraten die Ziele des Strukturwandels in Gefahr.
Von Anja Paumen
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104 Windräder sind in Brandenburg im vergangenen Jahr dazugekommen. Damit liegt das Land – gleichauf mit Niedersachsen – an der Spitze. Sachsen liegt mit einer einzigen neuen Anlage fast ganz hinten.
Der Wind, der in Brandenburg weht, dreht nicht plötzlich an der Landesgrenze zu Sachsen. Die Windkraft aber schon. Die jetzt vorgelegten Zahlen zum Ausbau der Windenergie an Land in Deutschland zeigen, dass Brandenburg hierbei in der Champions League spielt – und Sachsen um den Klassenerhalt kämpft. Mit 104 neu aufgestellten Windenergie-Anlagen im Jahr 2021 liegt Brandenburg mit Niedersachsen gleichauf an der Spitze der Bundesländer. Sachsen hat derweil ein einziges neues Windrad 2021 – nur Bremen und Hamburg haben weniger errichtet: keins.
Übersetzt man das in die netto neu geschaffene Energieleistung, hat Brandenburg 396 Megawatt neu installiert – Sachsen aber minus sieben. Das Minus im Netto bedeutet, dass die Leistung der neuen Windräder mit denen, die abgeschaltet wurden, verrechnet wird. Schließlich fallen jedes Jahr Windenergieanlagen aus der EEG-Förderung heraus und werden entweder zurückgebaut oder aufgerüstet (repowert). Sachsen hat ein Windrad aufgestellt und gleichzeitig acht zurückgebaut.
Den kompletten Artikel findet ihr in der zweiten Ausgabe des Online Magazins Neue Lausitz.
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Die diesjährige Weltklimakonferenz in Glasgow, COP26, ist zu Ende. Die wichtigsten Fragen drehten sich um Geld und Kohle. Sind die Antworten nun ein Erfolg, Misserfolg oder etwas dazwischen? Was ist die Bilanz der COP26?
Einer, der das beurteilen kann, ist der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres. Er kann es deswegen abschätzen, weil er frei von nationalen Egoismen abwägt. Er spricht für alle 197 Nationen, die auf dem wichtigsten Klimagipfel seit sechs Jahren miteinander gesprochen, widersprochen, gestritten und gerungen haben.
António Guterres, UN-Generalsekretär auf der COP 26
Er sagte am Ende der COP in einer offiziellen Erklärung, es gab einige wichtige Verbesserungen, wie das Ausverhandeln des Regelbuches zum Pariser Übereinkommen und die Einigung um den Handel mit CO2-Gutschriften. Aber es ist noch lange nicht genug. Besonders mahnte er folgende Aspekte an: Geld und Kohle. Mehr Geld für die Entwicklungs- und Schwellenländer und einen schnelleren Kohleausstieg. Hier einige seiner Aussagen.
„Ich bestärke noch einmal, dass wir Subventionen, finanzielle Förderungen, von fossilen Brennstoffen beenden müssen. Wir müssen aus der Kohleförderung, aus dem Abbau von Kohle ((stufenweise)) aussteigen.“
Im englischen Original: „I reaffirm my conviction that we must end fossil fuels subsidies.Phase outcoal.“
Er unterstrich auch in seiner Erklärung, wie wichtig es sei, dass die Industrieländer den Schwellenländern helfen, schneller von einer Kohlewirtschaft auf eine grüne Wirtschaft umzusteigen. In diesem Zusammenhang erwähnte er eine Partnerschaft eines Industrielandes mit Südafrika, dass ein Beispiel für solch eine Unterstützung darstelle. Das Industrieland indes nannte er nicht. Aber es ist Deutschland.
Deutschland ist auch eines der Länder, die für einen Geldtopf aus dem Anpassungsmaßnahmen in den Entwicklungsländern bezahlt werden sollen, einen großen Geldanteil bereitstellt. Von etwa 1,5 Milliarden Euro in dem Fonds kommen 150 Millionen Euro, also rund ein Zehntel aus Deutschland.
Überhaupt ist Deutschland auf der Ebene der Klimafinanzierung für Projekte in armen Ländern ein Vorreiter. Daher genießt unser Land auf Klimakonferenzen als Verhandlungspartner eine hohe Glaubwürdigkeit.
António Guterres betonte wie wichtig es ist, dass Industrieländer ihre finanziellen Zusagen einhalten. Insbesondere müssten die Finanzhilfen künftig noch mehr in Anpassungsmaßnahmen und nicht nur in Minderungsmaßnahmen gesteckt werden.
Das neue Buch: Projekt Klimaschutz im oekom Verlag
Hier nur kurz:
Anpassung: Maßnahmen, um die schon nicht mehr vermeidbaren Folgen des Klimawandels, abzufangen. Beispiele: Deiche höher bauen, Siedlungen umsiedeln, Landwirtschaft auf andere Fruchfolgen oder Pratiken umstellen.
Minderung: Maßnahmen, um die Ausstöße, die Emissionen, an Treibhausgasen zu senken. Beispiele: Umstellung von Kohle- oder Erdölförderung auf erneuerbare Energien und Investitionen in CO2-arme Technologien.
Das meiste Geld aus den reichen Ländern für Klimaprojekte in den ärmeren Ländern ging bisher in Minderungsmaßnahmen. Warum ist der Unterschied wichtig? Zum einen ist das Geld, das in Minderung gesteckt wird, auch für die Industrieländer eine Investition in ihre eigene Zukunft. Oder anders gesagt, sie haben auch direkt etwas davon. Denn wenn Länder im globalen Süden, das sind meistens Entwicklungs- oder Schwellenländer, ihre Emissionen verringern, kommt das weltweit dem Klimaschutz zugute. Das verringert dann – auch wenn man das nicht so ausspricht – den Druck in den reichen Ländern, selbst schnell oder schneller die Emissionen zu reduzieren.
Zum anderen ist das Geld der Industrieländer, das in Adaption, also Anpassung, in den Entwicklungsländern gesteckt wird, auf den kurzfristigen, wirtschaftlichen Blick – aus Sicht der Industrieländer – verschenkt. Denn wenn in afrikanischen Ländern Menschen vor Dürren oder in Indonesien vor Überflutungen durch vorbeugende Schutzmaßnahmen gerettet werden, hat es nicht direkt positive wirtschaftliche Auswirkungen auf die Industrieländer.
Das klingt schrecklich kalt. Deswegen stellt der UN-Generalsekretär Guterres klar: „Anpassung ist nicht ein technokratischer Begriff, es handelt von Leben oder Tod.“
Im Original: „Adaptation isn’t a technocratic issue, it is life or death.“
Daher flossen bisher die meisten Hilfsgelder in Minderungsmaßnahmen. Das soll sich aber zukünftig ändern. Denn die Klimaschäden im Süden, die man mit Anpassungsmaßnahmen schnell lindern oder beheben soll, sind vor allem durch die Energienutzung und die Emissionen aus dem Norden entstanden. Daher sind die Industrieländer in einer Bringschuld. Aber es hilft auch Vertrauen weltweit aufzubauen. „Nur so gelingt Klimaschutz“, Zitat aus meinem Buch.
Guterres: „Länder vor Klimaschäden und Katastrophen zu schützen ist nicht Wohltätigkeit. Es ist Solidarität und erkanntes Selbstinteresse.“
Im Original klingt es wie im Reim: „Protecting countries from climate disaster is not charity. It is solidarity and enlightened self-interest.“
Für nüchterne Seelen mag das alles völlig übertrieben klingen.
Nun, dann widmen wir uns noch einem anderen Menschen, der etwas zur COP26 sagen kann. Es ist der Präsident der COP26 selbst, der britische Finanzpolitiker Alok Sharma.
Der britische Politiker Alok Sharma ist Präsident der COP 26.
Mit Verlaub, aber Herr Sharma steht in keiner Weise im Verdacht ein Weichei oder nah am Wasser gebaut zu sein. Und doch geschah etwas sehr Beeindruckendes. Es war Samstagabend, schon einen Tag nach dem offziellen Ende der COP, und Alok Sharma verlas das Abschlussdokument Absatz für Absatz, um es danach zu beschließen. Nun gab es diese Passage darin zur Kohle. Also nicht zum Geld, wie im Deutschen das Wort Kohle auch benutzt wird, sondern natürlich in dem Fall zum braunen oder schwarzen Brennstoff aus dem Boden: der Braun- oder Steinkohle.
Um diese Passage wurde während der gesamten Konferenz am härtesten gerungen. In einer früheren Version hatte noch im Text gestanden, dass die Länder darin übereingekommen sind, die Kohleförderung auslaufen zu lassen, auf Englisch „phase out“ coal. Jetzt stand aber dort „phase down“ coal, also sie nur zu verringern. Das ist eine komplett andere Wendung: entweder man lässt Kohle auslaufen, also endet die Kohleförderung, oder man verringert sie, das heißt, man lässt sie weiterlaufen, aber in geringerem Umfang.
Was für einige wenige Kohle-Länder ein nationaler Sieg ist, wie für China und Indien, die Kohle noch weiter nutzen wollen, ist für den Rest der Welt eine schwere Niederlage im Kampf gegen den Klimawandel. Das wissen alle – alle, die an dem Abend, am Samstag, dem 13. November in dem großen Saal auf dem Konferenzgelände in Glasgow sitzen. Alok Sharma, als Verhandlungsführer während der zwei Wochen, muss sich diese Niederlage in der Diplomatie auch selbst ankreiden – zurecht oder zu unrecht. Aber er zeigt jetzt, wo er diese weich gewaschenen Passagen, diesen schlechten Kompromis für den Klimaschutz, den KomproMIST, vorlesen muss, Gefühle.
Dem sonst so selbstbewussten, redegewandten britischen Politprofil, fehlen plötzlich die Worte – er entschuldigt sich und macht eine … Rede-Pause. Er kann nicht weiterreden!
„Ich möchte mich bei allen Delegierten entschuldigen, wie sich dieser Prozess schließlich entwickelt hat. Ähm, ich bin untröstlich. Ich verstehe die tiefe Enttäuschung [von vielen]. Aber ich denke, wie Sie wissen, dass es wichtig ist, dass wir diese Passage überhaupt verabschieden können [sonst hätten wir sie gar nicht drin gehabt].“
Im Original: „May I just say to all delegates, I apologizes for the way this process has unfolded. And ahm, I am deeply sorry. I also understand the deeply disappointment. But I think as you have noted, it is also vital that we protect this package.“
– Redepause. – Stille im Saal. Manche verstehen erst gar nicht, was los ist. Als sie es begreifen, klatschen sie. Applaus aus dem Saal – erst zögerlich, dann immer stärker. Applaus nicht für die Passage, sondern für die Emotionen. Respekt und Anerkennug, dass Alok Sharma mit den Tränen kämpft, weil er es nicht besser ausgehandelt hat. Dafür bittet er um Entschuldigung. Hier bekommen die Klimaverhandlungen das, was sie neben dem wissenschaftlichen Verstehen brauchen: Herz und Mitgefühl.
Alok Sharma, Präsident der COP 26, kämpft mit den Tränen.
Diese Szene ging um die Welt. Ein harter Verhandler kämpft mit den Tränen – er weiß um die Enttäuschung, er ist selbst enttäuscht.
Für mich ist das eine der zentralen Szenen der gesamten Weltklimakonferenz. Sie spricht Bände.
Denn wer einmal verstanden hat, um was es geht, den können Rückschläge beim Kampf gegen den Klimawandel nicht mehr kalt lassen. Da António Guterres das schon lange weiß, redet er auch so eindringlich. Da auch Alok Sharma das nun verstanden hat, kommen ihm die Tränen – angesichts der vertanen Chance: nicht Ende der Kohleförderung, sondern nur eine Verringerung. Das ist nicht genug. Das ist ein Verhandlungsfehler, ein Misserfolg.
Angesichts der Not, die uns alle betrifft, ist sie offensichtlich noch nicht groß genug, damit alle Länder sich wirklich zusammentun. Damit 197 Länder auf eigene Vorteile verzichten und sich einigen, einschwören und aufmachen, das Klima zu schützen, ist die Not noch nicht groß genug. Das ist das Fazit der COP26: immer noch nicht.
Wer immer nur CO2 in die Luft entlässt oder das zu langsam verringert oder beendet, muss sich irgendwann fragen, wie man CO2 wieder aus der Luft herausholt. Ohne CO2-Entnahmetechnologien wird Klimaschutz nicht klappen. Mehr auf Cicero online.
Ein strittiger Punkt auf der Klimakonferenz in Glasgow war die Frage nach dem internationalen Handel mit Emissionsrechten, also Rechten oder Gutschriften, um Treibhausgase auszustoßen. Die Rechte sind kostbar, weil es in Zukunft immer teurer werden wird, CO2 auszustoßen. Ein neuer Absatzmarkt bietet sich an: Technologien zu entwickeln, die Emissionen senken, vermeiden oder sie sogar zurückholen. VON ANJA PAUMEN am 12. November 2021